Auch nach dem tiefsten und dunkelsten Abgrund, in den man sich nach Trennung und Liebeskummer oft verstoßen fühlt, folgt irgendwann wieder eine Zeit des Neuanfangs.

Und plötzlich ist die Überlegung, wie sich ein neuer Partner finden lässt, wieder bedeutsamer als die Frage, welche Ben & Jerry’s-Sorte heute zur Frust- und Trauerbewältigung dran glauben muss (wobei sich leckeres Eis sicher ebenfalls mit erfolgreicher Partnersuche verbinden lässt!).

Einerseits ist es nun aber nicht ganz leicht herauszufinden, ob die Zeit für die Suche nach einem neuen Partner bereits reif ist. Vielleicht ist die letzte Trennung doch noch nicht überwunden, die ein oder andere Wunde noch nicht ganz verheilt und die sorgsam angelegten Eisvorräte sind auch noch nicht erschöpft.

Partner finden: Mit Selbstmitgefühl – und clever

Dazu kommt noch, dass gerade weibliche Partnersuchende mit einer schier unbegrenzten Zahl medialer Ratschläge überschwemmt werden. Und dabei ist es gar nicht so leicht, sinnvolle Ideen von weniger hilfreichen Gedanken zu unterscheiden.

In den nächsten Zeilen möchte ich daher auf ein paar weit verbreitete Denkfehler hinweisen und dir Ideen vorstellen, wie du auf deine ganz eigene Art und Weise einen Partner finden kannst.

Dabei ist es mein Ziel, dir zwei Botschaften mitzugeben:

  1. Im Großen und Ganzen bist du in Ordnung und auch wenn Veränderung nichts Schlechtes ist, so besteht doch kein Zwang dazu
  2. Partnersuche erfordert zwar hier und da etwas Aktivität und Selbstüberwindung, darf grundsätzlich aber auch leicht fallen



Denkfehler #1: „Einen Partner finden ist anstrengend…und vermutlich eh aussichtslos“

Emilia ist 37, arbeitet in der Personalberatung einer größeren Firma und sieht sich selbst als durchaus erfolgreiche, selbstbewusste Frau. Auch wenn ihre Selbstwahrnehmung nach der Trennung von ihrem Partner, mit dem sie fast 10 Jahre zusammen war, gelitten hatte: Bis vor einer kurzen Woche war sie eigentlich wieder hoch motiviert.

Der Grund für den Rückschlag: Sie hatte gerade einen interessanten Mann kennengelernt, mit dem sie sich durchaus mehr hätte vorstellen können. Und ausgerechnet dieser hat sich nach dem ersten Date nicht mehr gemeldet. Das war vor einer Woche, aber Emilias niedergeschlagene Stimmung hält noch immer an…

Was ist bei Emilia passiert? Wir neigen oft dazu, einzelne negative Erfahrungen zu verallgemeinern. Aus einem Rückschlag schließen wir dann – scheinbar logisch – dass das gesamte Unterfangen wie hier die Partnersuche völlig unrealistisch ist und niemals Erfolg haben kann.

Das Positive bewusst wahrnehmen

Interessanterweise gehen wir bei positiven Erfahrungen eher selten so vor. Diese Erkenntnis kann Emilia nun dabei helfen, sich ihre vergangenen Dates nochmal genauer anzuschauen: Auch wenn der Richtige noch nicht dabei war, gab es vielleicht trotzdem schöne Momente? Eine spannende Unterhaltung? Die Entdeckung eines neuen, gemütlichen Cafés?

Wenn wir es vermeiden wollen, auf unseren Überlebensinstinkt „hereinzufallen“, dann hilft es nur, unsere triebhaften Anteile durch unsere rationalen Stärken auszutricksen.

Aus diesem Grund ist beispielsweise ein Date-Tagebuch eine gute Idee. Das kannst du gezielt so nutzen, dass du dir bei jedem Date (auch) notierst, was gut gelaufen ist. Es geht dabei nicht ums Schönreden. Sondern darum, dir die Ausdauer und Geduld zu verschaffen, die du brauchst, wenn du einen Partner finden willst, der wirklich zu dir passt.

Denkfehler #2: „Du hast alles zu 100% in der Hand!“

Emilia fragt sich immer noch, was sie beim letzten Date falsch gemacht hat. Dabei weiß sie natürlich eigentlich, dass es nicht ihre Schuld ist, wenn ein Mann sie nicht anziehend findet. Trotzdem drehen ihre Gedanken immer wieder in diese selbstkritische Richtung ab:

„Ich habe es aus eigener Kraft geschafft, meinen Traumjob zu bekommen. Ich kann mir eine tolle Wohnung leisten und regelmäßig in den Urlaub fahren – alles Belohnungen meiner Mühen. Aber bin ich dann für meine Fehler nicht genauso verantwortlich, wie für meine Erfolge?“

Das Phänomen, das Emilia hier zum Verhängnis wird, nennt sich Selbstwirksamkeitserwartung. Konkret versteckt sich dahinter die Idee, dass wir in der Lage seien, „gezielt Einfluss auf die Dinge und die Welt zu nehmen“.  Die problematische Seite des Konzeptes beschreibt die amerikanische Autorin Sara Eckel in Ihrem lesenswerten Buch Es liegt nicht an dir: „Wenn es in unserem Leben etwas gibt, das nicht so funktioniert, wie wir es gerne hätten, dann liegt das Problem ganz allein bei uns“.

Du musst dir nicht alles aufladen

Das Konzept der Selbstwirksamkeit ist prinzipiell sinnvoll und wir dürfen uns konkrete Erfolge auch ohne direkten Zusammenhang mit unseren Fähigkeiten ruhig hier und da mal selbst zuschreiben. Manchmal tut allerdings auch etwas Bescheidenheit gut, am besten in beide Richtungen:

  • Bisweilen passieren uns gute Dinge auch einfach so. Ohne, dass wir uns dafür besonders ins Zeug gelegt hätten. Das ist okay und wir können uns dann einfach darüber freuen
  • Auch schlechte Dinge passieren bisweilen. Auch das kann aber völlig unabhängig von unserem Verhalten oder unserer Persönlichkeit sein

Wir können stattdessen auch in unserer aufgeklärten, kopflastigen Zeit hier und da zu Begriffen wie Glück und Pech, Schicksal oder Bestimmung greifen. Denn das entlastet uns von einer möglicherweise arg großen Verantwortung…

Denkfehler #3: „Für eine glückliche Beziehung musst du an dir arbeiten!“

Emilia hat letztlich beschlossen, dass der Mann, der sie nicht mal für ein zweites Treffen in Betracht zieht, es eigentlich gar nicht verdient hat, dass sie sich wegen ihm schlecht fühlt. Stattdessen ist sie froh, so optimistisch zu sein. Bei ihr äußert sich das dann meistens in besonders aktivem Verhalten. Und nach ihrem Beschluss, sich fit für eine neue Liebe zu machen, folgen direkt ein paar Maßnahmen.

Sie nimmt ihre Mitgliedschaft im Fitnessstudio wieder auf, bestellt sich direkt ein paar Bücher zum optimalen Umgang mit Ablehnung und nimmt sich fest vor, noch kommunikativer zu sein und jede Woche neue Leute kennenzulernen.

Wenn es dir ähnlich geht wie Emilia, dann habe ich einen wichtigen Gedanken für dich: Wenn du gerade Liebeskummer hattest und dich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigt hast, dann hast du vermutlich erstmal genug harte Arbeit in dich gesteckt!

Sei für dich wie eine gute Freundin

Und auch, wenn uns dieser Gedanke medial ständig eingetrichtert wird: Weder die Suche nach einem Partner, noch die eventuell folgende Beziehung sollten nur aus Arbeit bestehen. Im Gegenteil, Perfektion ist unerreichbar und zum Glück auch vollkommen unnötig.

Ich möchte damit nicht sagen, dass es sich nicht lohnen würde, hier und da mal die eigene Komfortzone zu verlassen. Oder das Veränderung per se schlecht wäre, im Gegenteil. Aber es geht auch bei der Partnersuche darum, eine Balance zu finden – auch wenn das sicher nicht immer leicht fällt. Im Yoga wird das sehr treffend als Gleichgewicht zwischen Anstrengung und Hingabe bezeichnet.

Für Emilia könnte das beispielsweise bedeuten, dass statt täglichem Fitnessstudio vielleicht doch die üblichen ein bis zwei Laufrunden pro Woche genügen. Und dass die vielen Ratgeber auch mal einem unterhaltsamen Roman weichen dürfen. Denn letztlich geht es lediglich darum, einen passenden Partner zu finden. Nicht darum, zu einer Art Übermensch zu werden!

Denkfehler #4: „Du solltest normal sein, sprich: Nicht zu selbstbewusst, nicht zu erfolgreich, nicht zu anspruchsvoll“

Also ob Emilia nicht genug Stress mit Partnersuche und Persönlichkeitsentwicklung hätte, liest ihre beste Freundin Helena ihr abends bei einem Glas Wein auch noch die Leviten. „Meine Liebe, mich wundert es nicht, dass du keinen vernünftigen Mann findest. Du bist viel zu erfolgreich und selbstbewusst. Kein Wunder, dass das abschreckend wirkt. Ich glaube, dass es viel leichter klappen würde, wenn du zumindest hier und da mal die Zurückhaltende spielst…“

An dieser Stelle kommt oft die Kritik am Feminismus im Spiel, laut der selbstständige und selbstbewusste Frauen, die zudem noch gerne selbst aktiv werden, für Männer einfach uninteressant sind. Ich denke, dass wir über eine Logiklücke stolpern. Denn:

  1. Nicht alle Frauen sind unglaublich selbstbewusst und nehmen in Liebesdingen alles selbst in die Hand (was auch nicht schlimm ist). Für viele ist das obige Argument also möglicherweise gar nicht oder nicht in hohem Maß relevant
  2. Wenn eine Frau selbstbewusst ist, wird sie wohl kaum ihre Zeit mit einem Mann verbringen wollen, der davon total überfordert ist. Die gute Nachricht: Die Erfahrung (und Studien der Soziologin Christine Whelan) zeigen, dass es da draußen auch mehr als genug Männer gibt, die durchaus mit selbstbewussten Frauen zurechtkommen

Stattdessen ist das Problem aus Männersicht ein anderes und wird etwa beim Thema Online-Dating deutlich: An Frauen, die sich bei der Gestaltung ihres Profils um Normalität bemühen, herrscht wahrlich kein Mangel.

Eigenheiten kultivieren – und kommunizieren

In Beratungen erarbeite ich mit Frauen daher jedes Mal die Informationen, die eben nicht normal sind und die auf dem Profil kommuniziert werden könnten. Denn nur wenn Reibungspunkte entstehen, hat das Gegenüber auch die Motivation und Möglichkeit, ein interessantes Gespräch zu beginnen.

Dieses Beispiel aus dem Online-Dating lässt sich auf alle Phasen der Partnersuche übertragen: Normal ist leider wenig interessant. Das sehen nicht alle Männer so, aber doch einige.

Die Frage ist nun, welche dieser Männer du lieber für dich begeistern möchtest?

Denkfehler #5: „Wenn du dich nicht beeilst, läuft dir die Zeit davon!“

Der Vorschlag, sich doch mal zurückhaltender zu geben, gefällt Emilia wenig und das meldet sie ihrer Freundin auch so zurück. Helena gibt aber so schnell noch nicht auf. „Du weißt schon was du tust. Aber dann liege mir bitte auch nicht ständig in den Ohren, weil Angst hast, dass du auch mit 80 noch Single bist!“

Simone hat vor einiger Zeit auf dem Portal Wunderweib einen herrlich offenen Artikel geschrieben: Mit 32 noch nicht schwanger? Ja, und das ist völlig ok so! Die Message darin trifft ein heikles Thema, denn wir tragen da in den meisten Fällen zwei ziemlich gegensätzliche Glaubenssätze mit uns herum, die ein großes Stresspotenzial haben:

„In der Liebe sollte man sich Zeit lassen“ auf der einen Seite und „Singles sind eigentlich nur halbe Menschen“ auf der anderen Seite. In Kombination sorgen diese beiden Anforderungen natürlich nicht gerade für eine wohlige Stimmung.

Gedanken ordnen

Ich möchte stattdessen ganz gezielt ein paar andere Einstellungen zum Thema Zeit und Partnersuche vorschlagen:

  • Der passende Partner kommt genau dann, wenn die Zeit und die Situation stimmig sind. Du kannst das beeinflussen, solltest deinen Einfluss dabei aber weder unter- noch überschätzen
  • Eine Beziehung an sich ist noch nichts Wertvolles – schließlich gibt es auch nicht gerade wenig Partnerschaften die für viel Leid sorgen – daher ist Beziehung um jeden Preis eher kein hilfreicher Gedanke
  • Der Single-Zustand hat sicher nicht nur Nachteile – und davon abgesehen sind nach aktuellen Schätzungen sowieso fast ein Drittel der Bevölkerung Solo unterwegs. Die sind garantiert nicht alle absolut unglücklich!

Das nächste Mal, wenn du merkst, dass dein Unterbewusstsein oder deine biologische Uhr verrücktspielen, kannst du diese Gefühle wahrnehmen, wertschätzen…und dann trotzdem gut zu dir sein. Egal, ob du dir einen Kinoabend mit der besten Freundin, deinen Lieblingstee oder zwei Tafeln Schokolade gönnst.

Fazit: Partner finden oder Wunden lecken?

Ab einem gewissen Punkt macht es Sinn, kurz in sich zu gehen. Und dann eine Entscheidung zu treffen.

Ist es gerade noch an der Zeit für die Bewältigung des Liebeskummers? Oder möchtest du direkt loslegen und aktiv einen Partner finden? Falls du da noch eine Entscheidungshilfe brauchst, dann schau nochmal auf den Lagerbestand in deinem Eisfach:

Wenn noch Eis da ist, könnte das heißen, dass du dir noch mehr Zeit für deinen Liebeskummer nehmen darfst.

Und falls da gähnende Leere herrscht: Vielleicht sind nicht nur die Eisvorräte verbraucht, sondern möglicherweise ist auch die Zeit des Trauerns vorbei. In dem Fall: Viel Spaß bei der (entspannten) Suche!

Ich wünsche dir demnach entweder guten Appetit oder viel Erfolg auf dem Weg zu deiner glücklichen, aber nicht zu perfekten Beziehung!

Dein Nils

nils-terborg-profil-quadrat

Nils ist Autor und schreibt gerne über Balance in Liebesdingen. Denn wenn Denken und Fühlen, Anstrengung und Hingabe sowie Nähe und Distanz in Einklang sind, liebt es sich einfach deutlich entspannter. Auf seiner Seite nilsterborg.de findest du einige kostenlose eBooks und über 60 themenspezifische Artikel.

 

Foto: © Vadymvdrobot

 

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